Ratgeber · Bauschäden
Risse im Mauerwerk: harmlos oder gefährlich?
Fast jedes Haus hat irgendwann Risse. Die meisten sind unkritisch, manche ein Warnsignal. Der Unterschied liegt nicht in der Länge des Risses, sondern in seiner Ursache und seinem Verlauf.
Von Dipl.-Ing. Volker Wagenknecht, Bausachverständiger · Lesezeit ca. 5 Min
Ein Riss ist erst einmal nur ein sichtbares Zeichen, dass sich im Bauteil Spannungen abgebaut haben. Ob das harmlos ist oder nicht, hängt davon ab, was diese Spannungen ausgelöst hat. Deshalb ist die wichtigste Frage nicht „Wie breit ist der Riss?", sondern „Warum ist er entstanden und bewegt er sich noch?".
Harmlose Risse
Die häufigsten Risse sind unkritisch. Dazu gehören feine Putz- und Schwindrisse, die entstehen, wenn Putz oder Estrich beim Austrocknen schwinden. Sie sind meist haarfein, netzartig oder folgen den Materialübergängen, etwa an der Fuge zwischen zwei Baustoffen. Auch Setzungsrisse in den ersten Jahren nach dem Neubau sind normal, solange sie zum Stillstand kommen. Solche Risse betreffen die Oberfläche, nicht die Standsicherheit.
Risse, die man ernst nehmen sollte
Aufmerksam werden sollten Sie bei Rissen, die diagonal über Wände oder von Fenster- und Türecken weg verlaufen, bei Rissen, die sich durch das tragende Mauerwerk ziehen, bei Rissen, die sich mit der Zeit verbreitern oder versetzt weiterlaufen, und bei Rissen, die von einem Verzug der Bauteile begleitet werden, etwa klemmenden Türen oder schiefen Böden. Solche Muster können auf Setzungen des Untergrunds, überlastete Bauteile oder einen Ausführungsmangel hindeuten. Auch Risse, die sich nach einem Wasserschaden oder Erschütterungen von Baustellen in der Nachbarschaft zeigen, gehören geprüft.
So beobachten Sie einen Riss selbst
Bei einem Riss, der Ihnen unklar erscheint, hilft eine einfache Beobachtung: Markieren Sie die Rissenden mit einem Bleistiftstrich und notieren Sie das Datum, oder setzen Sie an einer Stelle einen kleinen Gipsstreifen quer über den Riss. Reißt der Gips nach Wochen, arbeitet der Riss noch und braucht fachliche Beurteilung. Bleibt alles unverändert, ist der Vorgang wahrscheinlich abgeschlossen. Fotografieren Sie den Riss mit einem Maßband daneben, das dokumentiert die Entwicklung.
Wann der Sachverständige gefragt ist
Spätestens wenn ein Riss breiter wird, diagonal verläuft, durch tragende Wände geht oder Sie ihn vor einem Kauf einordnen müssen, sollten Sie ihn nicht selbst interpretieren. Ich stelle fest, ob es sich um einen oberflächlichen oder einen statisch relevanten Riss handelt, was die Ursache ist und ob Handlungsbedarf besteht. Das erspart Ihnen im harmlosen Fall unnötige Sorge und im ernsten Fall einen übersehenen Schaden.